Wir leben in einer Gesellschaft in der Medien eine sehr große Rolle für die Informiertheit spielen

Anne Wiegand: Sie sagen selbst von sich „Ich bin kein Lehrer“, aber Schulleiter?

Jörg Sadrozinski: Ich war in der Tat Schulleiter. Ich habe von 2011 bis 2017 die Deutsche Journalistenschule in München geleitet. Heute bin ich noch indirekt Lehrer: einerseits für die Reporterfabrik, indem ich Workshops und Tutorials für angehende Journalistinnen und Journalisten erstelle bzw. für alle, die an journalistischen Qualitäten interessiert sind. Andererseits habe ich einen Lehrauftrag an einer Schweizer Hochschule. Aber ein Lehrer im klassischen Sinne bin ich natürlich nicht.

Die Deutsche Journalistenschule hat namenhafte Persönlichkeiten auf ihrem Weg begleitet: Maxim Biller, Günther Jauch, Christine Westermann, Sandra Maischberger, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Welche Eigenschaften sollte ein guter Journalist haben?

Die herausragendste Eigenschaft, die ein Journalist haben sollte, ist, neugierig zu sein. Man muss neugierig auf Menschen und auf Themen sein. Außerdem sollte man sich Offenheit bewahren. Gemeint ist damit, dass man nicht zulässt, dass man mit einer vorgefertigten Meinung an Themen oder Menschen herangeht, sondern man muss zuhören können, um sich daraus eine Meinung zu bilden und um das dann aufzuschreiben, was man gesehen hat.

Und wie sollte ein Journalist nicht sein?

Er sollte nicht voreingenommen sein. Er sollte nicht mit Klischees in ein Gespräch gehen, diese Klischees auch bedienen und davon ausgehen, dass die Welt so sei, wie man sie kennengelernt hat. Die Welt ist nicht schwarz oder weiß, sondern es gibt auch viele Zwischen- und Grautöne. Es kommt auch darauf an, diese zu vermitteln.

Außerdem müssen Journalisten viel stärker darauf achten, dass sie ihre Methoden transparent machen und angeben, woher sie ihre Information haben. „Sagen, was ist“, ist ein guter Leitspruch des Spiegel und darin verbirgt sich ein ganz wesentlicher Punkt. Im Umkehrschluss sollte ein Journalist eben nicht sagen, was nicht ist. Gemeint sind damit Aspekte, die gelogen, geschönt oder stark subjektiv sind. Das ist meiner Meinung nach nicht der richtige Weg, Journalismus zu betreiben.

Lehrer bzw. Dozent sind Sie in gewisser Weise doch mit der Leitung der Reporterfabrik geworden. Was ist das?

Die Reporterfabrik ist eine Journalistenschule für jede und für jeden. Die Idee geht zurück auf Cordt Schnibben und David Schraven, die die Reporterfabrik gegründet haben. Ich leite einen Teil dieses Projekts und zwar das Medienkompetenzprojekt. Dieser Bereich richtet sich direkt an Schülerinnen und Schüler bzw. Lehrerinnen und Lehrer und hat die Vermittlung von Medien- bzw. Nachrichtenkompetenz zum Ziel. Damit sind journalistische Qualitäten gemeint, die wichtig nicht nur für die Kommunikation, sondern für die Gesellschaft insgesamt sind. Diese wollen wir möglichst früh an die Leute bringen. Wir glauben, dass der beste Weg über die Schulen ist.

Was kann man in der Reporterfabrik lernen?

Die Reporterfabrik ist eine Online-Plattform, die es ermöglicht, verschiedene Workshops online im eigenen Tempo und an jedem beliebigen Ort durchzuführen. Es gibt verschiedene Lehrstufen bzw. Schwierigkeitsgrade. Zum einen geht es um die Frage, was Journalismus ist und wie Journalistinnen und Journalisten arbeiten. In der zweiten Stufe wird vermittelt, was Journalisten können sollten und was zum Handwerkszeug gehört. Das folgt dem Grundsatz, dass Journalismus ein Lehr- und Lernberuf ist. Natürlich braucht es auch ein gewisses Talent, aber vom Prinzip her kann man den Beruf erlernen, da es bestimmte journalistische Regeln gibt, die man erlernen und vermitteln kann.

Die Plattform bietet Videotutorials sowie Begleitmaterial. Im Einzelnen kann man ganz verschiedene Dinge lernen. Beispielsweise wird dort schrittweise vermittelt, wie man von der Produktion eines Videos – über das Einfangen der Tonspur, den Einsatz verschiedener Einstellungen, usw. – bis hin zum Schneiden und der Endbearbeitung Videobeiträge erstellen kann. Dabei geht es auch mit ganz einfachen Mitteln: Wie drehe ich mit dem Smartphone einen Videobeitrag? Aber es geht natürlich auch um Texte. Wolf Schneider, der in journalistischen Kreisen auch als der „Sprachpapst“ bezeichnet wird, hat zum Beispiel die wesentlichen Punkte zusammengefasst, worauf es ankommt, wenn man einen guten Text zu schreiben will oder wie man mit Sprache umgeht.

Das sind nur zwei Beispiele. Es gibt noch zahlreiche weitere: Wie führe ich Interviews? Oder wie recherchiere ich richtig?

Was uns auszeichnet, ist, dass es Profis aus der Praxis sind, die journalistisches Wissen vermitteln. Berühmte oder weniger namhafte Reporterinnen und Reporter, Redakteure oder Social Media Experten, die Workshops gestalten und die aus ihrer eigene Erfahrung sehr systematisch aufgebaut schildern, worauf es ankommt, wenn man guten Journalismus betreiben möchte.

Jörg Sadrozinski, Leiter der Reporterfabrik
Interview mit Jörg Sadrozinski am Steinhuder Meer

Die Reporterfabrik möchte „den Weg in eine redaktionelle Gesellschaft begleiten durch die Qualifizierung von Nicht-Journalisten und Journalisten.“ Was ist eine „redaktionelle Gesellschaft“?

Die Idee dahinter geht auf den Tübinger Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Bernhard Pörksen zurück. Die „redaktionelle Gesellschaft“ geht davon aus, dass heutzutage jeder und jede publizieren kann. Durch das Internet ist es möglich, dass alle auch Produzenten von Inhalten werden. Wenn das so ist, sollte natürlich auch die Gesellschaft nach bestimmten Regeln, wie man sie aus einer Redaktion kennt, organisiert sein. Das heißt, es müsste klar sein, was man sagen kann. Allerdings ist dies nicht immer der Fall, wenn man z.B. an Hate speech, der Beschimpfungen von Andersdenkenden oder Minderheiten, denkt. Wir wollen im Grunde genommen einen Konsens haben, wie wir miteinander in der digitalen Welt reden und kommunizieren. Eben das macht die „redaktionelle Gesellschaft“ aus.

Welchen Mehrwert bietet die Reporterfabrik für Lehrerinnen und Lehrer?

Wir haben ein spezielles Angebot, Reporter4U, wo bewährtes Lehrmaterial von Medien, Initiativen und Organisationen gebündelt wurde. Wir wollten eine Plattform bieten, auf der Lehrerinnen und Lehrer leicht Lehrmaterialen finden, eigenproduzierte Videotutorials oder Beispiele für die Gestaltung von Unterrichtsstunden. Durch viele Gespräche und Schulbesuche haben wir festgestellt, dass in dem Bereich noch ein großes Defizit herrscht. Lehrerinnen und Lehrer werden in dem Bereich der medialen Bildung nicht systematisch ausgebildet. An der Stelle können wir hilfreich sein, indem wir Lehrerinnen und Lehrer durch unsere Kompetenzen unterstützen. Dabei wollen wir niemandem die Position streitig machen, doch ziehen wir an einem gemeinsamen Strang. Die Kultusministerkonferenz hat bereits 2016 den Plan vorgelegt, wie der digitale Wandel in die Bildung zu integrieren sei und Inhalte in die Lehrpläne hineingeschrieben. Aber man lässt die Lehrerinnen und Lehrer meiner Ansicht nach da allein. Dagegen wollen wir angehen und Lehrerinnen und Lehrer unterstützen.

Darüber hinaus gibt es auch noch die Plattform journalismus-macht-schule.org/. Was ist das und wie sind die Plattformen verbunden?

Die Plattform bietet zweierlei: Informationen und Möglichkeiten der Vernetzung.

Die Idee war, diese vielen guten Medien- und Nachrichtenkompetenz-Projekte miteinander zu verknüpfen, um Lehrerinnen und Lehrern den Zugang zu erleichtern, sodass sie sich nicht durch unzählige Angebote arbeiten müssen. Hier werden zielgleiche Angebote gebündelt, um Materialen – auch die der Reporterfabrik – zu nutzen, sie austauschen zu können oder um gemeinsame Projekte auf die Beine zu stellen.

Weiterhin ist dort eine Vermittlungsbörse implementiert, mit der man Ansprechpartner in dem jeweiligen Bundesland findet bzw. in die sich jede Lehrerin, jeder Lehrer, eintragen kann, um eine Journalistin oder einen Journalisten aus der Umgebung einzuladen. In dieser, durch Corona-Beschränkungen gekennzeichneten Zeit, könnte man sie auch virtuell von München nach Hannover oder ins tiefste Brandenburgische per Videokonferenz zuschalten.

Warum ist die Vermittlung von Medien- und Nachrichtenkompetenzen durch die Schule so wichtig?

Wir leben in einer medialen Gesellschaft. Informationsvermittlung geschieht nicht mehr über die klassischen Medien – Fernsehen, Zeitung, Radio –, sondern die meisten Menschen informieren sich über das Internet. Im Internet wird nicht immer klar, woher die Information stammt und auf welchen Quellen die Nachricht basiert. Deshalb ist es wichtig, wenn wir eine Gesellschaft informieren wollen, dass diese Gesellschaft auch in der Lage ist, zu prüfen, woher diese Information stammt. Wo sind die Quellen? Sind die Quellen nachprüfbar und verifizierbar? Hat man sich das selbst ausgedacht oder ist es auf Fakten basiert? Daher ist die Vermittlung von Medien- und Nachrichtenkompetenzen so wichtig. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Medien eine sehr große Rolle für die Informiertheit spielen. Aus diesen Gründen brauchen wir diese Fähigkeiten, sich selbst ein Bild zu verschaffen.

Zur Person

Jörg Sadrozinski studierte Diplom-Journalistik in München und absolvierte eine Ausbildung zum Redakteur an der Deutschen Journalistenschule, die er selbst von 2011 bis 2017 leitete. Er arbeitete u.a. für die Süddeutsche Zeitung, die dpa, den Bayerischen Rundfunk und den NDR. Er wurde Chef vom Dienst bei den Tagesthemen und dem Nachtmagazin. Er baute als Redaktionsleiter das Internetportal tagesschau.de mit auf und arbeitete als Mitglied der Chefredaktion von ARD-aktuell. Seit 2017 leitet er das Medienkompetenzprojekt der Reporterfabrik von Correctiv. Außerdem arbeitet er als Dozent und freier Journalist.

Zur Person

Anne Wiegand unterrichtet am Geschwister-Scholl-Gymnasium Berenbostel die Fächer Deutsch und Englisch. Sie leitet u.a. die Schülerzeitung SchollZ.

Kontakt

Letzte Änderung: 30.07.2020

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